„Ein Ort für jeden“

„Ein Ort für jeden“

Durch das Freiwillige Soziale Jahr im Familienzentrum in Wachtberg lernen zwei eritreische Frauen die deutsche Sprache und die deutsche Kultur kennen.

„Das ist der Bergenraum“, Rahwa Abraha zeigt auf das Schild an der Tür des Familienzentrums und liest das letzte Wort stockend ab. Ihr Deutsch ist schon sehr gut, aber sie lernt diese Sprache noch – genau wie das Lesen und Schreiben. Rahwa macht gemeinsam mit Merhawi Shishaj, die sie vor einem Jahr auf der Flucht von Eritrea nach Deutschland kennengelernt hat, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Familienzentrum St. Marien in Wachtberg. Merhawi betreut hauptsächlich die Kinder im Bergenraum, Rahwas Gruppe ist ein Stockwerk darüber im Kleeblattraum. Fünf Tage die Woche arbeiten sie im Familienzentrum, an zwei Tagen davon fahren die 21-jährigen Frauen morgens nach Bonn zum Deutschunterricht, nachmittags helfen sie dann im Familienzentrum mit.

Flüchtlingshilfe des FSD Köln

Seit Januar 2016 leisten 15 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 26 Jahren ein FSJ im Erzbistum Köln. Möglich ist das durch das Projekt „Flüchtlingshilfe“ des Bildungsträgers „Freiwillige soziale Dienste im Erzbistum Köln e.V.“ (FSD Köln), das Teil der Aktion Neue Nachbarn ist.

Die FSJ-ler/-innen mit Fluchterfahrung arbeiten zwölf Monate Vollzeit in einer sozialen Einrichtung mit und nehmen an fünf Bildungsseminaren teil. „Das FSJ für die Geflüchteten unterscheidet sich formal nicht vom regulären FSJ“, sagt Johanna Claßen, die beim FSD für das Projekt „Flüchtlingshilfe“ zuständig ist. Unterschiede gäbe es jedoch bei den Seminarinhalten. Bei den Seminaren für reguläre FSJ-ler/-innen ginge es vor allem um Persönlichkeitsentwicklung und Berufsorientierung, bei den Seminaren für geflüchtete FSJ-ler/-innen gehe es um das Erweitern der Deutschkenntnisse und das Ankommen in Deutschland.

Kontakt:

Freiwillige soziale Dienste
im Erzbistum Köln e. V.
Steinfelder Gasse 16-18
50670 Köln
www.fsd-koeln.de

Sprache als Herausforderung

Das Familienzentrum St. Marien beschäftigt schon länger Freiwilligendienstleistende, so dass die Leiterin, Mieke Schulze, bereits Erfahrungen bei der Begleitung und Anleitung von FSJ-ler/-innen hatte. „Als ich bei einer Tagung des FSD von der Möglichkeit erfuhr, dass Frauen und Männer mit Fluchterfahrung ein FSJ leisten können, dachte ich, dass das eine gute Chance für die beiden eritreischen Frauen sei“, sagt Schulze. Sie kannte Rahwa und Merhawi vom Samstagstreff, bei dem einige Ehrenamtliche im Familienzentrum Deutsch unterrichten, während andere Angebote für Kinder bieten. „Sie sind aufgefallen, weil sie so wissbegierig waren und schnell Deutsch lernen wollten“, sagt die gelernte Erzieherin, die den Treff gemeinsam mit der Gemeindereferentin Claudia Schütz-Großmann initiiert hat und selbst oft samstags mithilft.

„Die Kinder sind zunächst sehr offen auf Rahwa und Merhawi zugegangen, doch nach einiger Zeit, haben sie sie gemieden“, erinnert sich Schulze. Die beiden hätten zwar nonverbal auf die Kinder reagiert, aber sich nicht getraut mit ihnen zu sprechen. Daraufhin hätten die Kinder sich von den beiden FSJ-lerinnen distanziert. „Ich habe sie ermutigt mit den Kindern zu reden, zumal ja auch die Kindersprache keine perfekte Sprache ist“, sagt die 62-Jährige. Nun kommen die Kinder mit den gleichen Fragen und Anliegen auf Rahwa und Merhawi zu, wie sie es auch bei den anderen Erzieherinnen machen.

Die Sprache ist eine Herausforderung beim Freiwilligendienst für Menschen mit Fluchterfahrung. Eine andere ist, dass Geflüchtete mit vielen Begriffen gar nichts verbinden könnten. „Für Rahwa und Mehrawi ist so vieles neu“, sagt Schulze. „Als ich ihnen sagte, sie müssten ihre Kontonummer in das Formular eintragen, schauten sie mich mit großen Augen an.“ Sie hätten nicht gewusst, was ein Konto ist.

Keine Arbeitsentlastung, aber sinnstiftend

Mit dem Einsatz von Bildern verständigt sich Mieke Schulze mit ihren FSJ-lerinnen – vor allem wenn es um Bürokratisches geht. Dabei gab und gibt es immer mal wieder Missverständnisse, aber mit viel Geduld und Ausdauer funktioniert es. „Außerdem ist der Verwaltungsaufwand, den der Einsatz der beiden Mädels mit sich bringt, enorm“, gesteht die Familienzentrumsleiterin. Trotzdem bereut sie es nicht, die beiden zu beschäftigen: „Der Einsatz der beiden ist keine Arbeitsentlastung, aber darum geht es an dieser Stelle auch nicht.“ Sie erlebe den Einsatz als sinnstiftend.
„Meine Idee eines Familienzentrums ist es, ein Ort für jeden zu sein“, sagt die Leiterin. Deshalb sei es für sie selbstverständlich gewesen, dass das Familienzentrum Flüchtlingskinder aufnimmt, Angebote für Flüchtlinge bereitstellt und Freiwillige mit Fluchterfahrungen beschäftigt.

Bilder und Text: Manuela Markolf

 

FSJ für Frauen und Männer mit Fluchterfahrung

Frauen und Männer mit Fluchterfahrungen, die zwischen 18 und 26 Jahren alt sind, können zwölf Monate in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Familienzentren oder anderen sozialen Einrichtungen mitarbeiten. Während dieser Zeit nehmen sie an fünf Bildungswochen teil, bei denen es neben der Reflexion des Dienstes, vor allem um den Erwerb der deutschen Sprache sowie um das Ankommen in Deutschland geht.

Für ihren Dienst erhalten die Freiwilligen ein Taschengeld und einen Zuschuss zur Verpflegung, werden sozialversichert und von Mitarbeiter/-innen des FSD pädagogisch begleitet.
Voraussetzungen für ein FSJ für Geflüchtete ist, dass die Bewerber/-innen fähig ist, sich verständlich zu machen, psychisch und physisch in der Lage ist, 39 Stunden pro Woche zu arbeiten und über eine Beschäftigungserlaubnis, ausgestellt von der zuständige Ausländerbehörde verfügt.